5 EWM-KPIs, die jedes Warehouse-Team nach Go-Live tracken sollte

Der Go-Live ist geschafft, die ersten Lieferungen laufen raus – und alle atmen durch. Doch ob ein EWM-System wirklich stabil läuft, zeigt sich nicht am ersten Tag, sondern in den Wochen danach. Die gute Nachricht: SAP EWM liefert die Daten dafür bereits mit. Man muss nur wissen, wo man hinschaut. In diesem Beitrag stelle ich Ihnen fünf SAP EWM KPIs vor, die sich in unseren Hypercare-Phasen immer wieder als Frühwarnsystem bewährt haben.

Warum klassische Logistik-KPIs nach Go-Live nicht reichen

Picks pro Stunde, Liefertreue, Durchlaufzeit – diese klassischen Kennzahlen sind auch in SAP EWM wichtig, aber sie zeigen erst spät, dass etwas nicht stimmt. Nach dem Go-Live brauchen Sie Kennzahlen, die verraten, wo Anwender am System vorbei arbeiten. Denn genau dort entstehen die Probleme von morgen: Bestandsdifferenzen, Workarounds und ein schleichender Vertrauensverlust in das neue System.

Die folgenden fünf SAP EWM KPIs messen genau das. Sie lassen sich mit Bordmitteln wie dem Lagerverwaltungsmonitor (/SCWM/MON) auswerten und sollten in der Hypercare mindestens wöchentlich auf den Tisch.

KPI 1: Stornierte Lageraufgaben

Was Sie messen: Den Anteil stornierter Lageraufgaben an allen erzeugten Lageraufgaben, aufgeteilt nach Lagerprozessart und Aktivitätsbereich.

Was er verrät: Eine Lageraufgabe wird storniert, wenn sie so nicht ausgeführt werden kann oder soll – etwa weil der Platz belegt ist, die Ware fehlt oder die Strategie einen unpassenden Lagerplatz gefunden hat. Einzelne Stornos sind normal. Eine hohe oder steigende Quote ist dagegen fast immer ein Hinweis auf unpassende Einlagerungs- oder Auslagerungsstrategien oder auf fehlerhafte Stammdaten.

Typische Fragen: Welche Prozessart ist betroffen? Welche Anwender stornieren besonders häufig? Häufen sich Stornos zu bestimmten Uhrzeiten oder in bestimmten Lagertypen?

KPI 2: Manuelle Lagerplatzumlagerungen (Bin-Transfers)

Was Sie messen: Die Anzahl manuell angestoßener Umlagerungen von Platz zu Platz, also außerhalb von Nachschub, Einlagerung oder Kommissionierung.

Was er verrät: Wenn Mitarbeitende regelmäßig Ware von Hand umlagern, korrigieren sie damit meist, was das System falsch entschieden hat. Typische Ursachen sind ein nicht passender Nachschub, eine ungünstige Lagerplatzfindung oder fehlende Kapazitätsprüfungen. Jede manuelle Umlagerung ist Arbeitszeit, die das System eigentlich einsparen sollte.

Typische Fragen: Zwischen welchen Lagertypen wird umgelagert? Betrifft es immer dieselben Produkte? Lässt sich ein Muster zur Nachschubsteuerung erkennen?

KPI 3: Bewegungen über Lagerprozessart 9999

Was Sie messen: Den Anteil von Lageraufgaben mit der Lagerprozessart 9999, der Prozessart für Ad-hoc-Bewegungen im SAP-Standard.

Was er verrät: Die Prozessart 9999 ist ein Allzweckwerkzeug. Sie ist praktisch, um schnell etwas zu bewegen – und genau deshalb gefährlich. Bewegungen über 9999 umgehen die für Ihre Prozesse definierten Strategien und Steuerungen. Steigt der Anteil, ist das ein deutliches Signal: Ihre Anwender bauen sich gerade einen Schattenprozess.

Typische Fragen: Wer nutzt 9999 und in welchen Situationen? Fehlt für diese Situation eine passende Prozessart? Muss eine Schulung nachgeschärft werden?

KPI 4: Ausnahmecodes bei der Quittierung

Was Sie messen: Wie oft Ausnahmecodes bei der Quittierung von Lageraufgaben verwendet werden, etwa für Fehlmengen oder Platzverweigerungen.

Was er verrät: Ausnahmecodes sind ein wertvolles Werkzeug, weil sie Abweichungen im System sichtbar machen statt sie zu verstecken. Häufen sie sich, deutet das auf Bestandsungenauigkeiten oder Probleme in der vorgelagerten Einlagerung hin. Werden sie dagegen gar nicht genutzt, obwohl es im Lager Abweichungen gibt, ist das ebenfalls ein Warnsignal.

KPI 5: Fehlerhafte Queues und offene Belege

Was Sie messen: Die Anzahl fehlerhafter qRFC-Queues (z. B. in SMQ1/SMQ2) und Lieferungen, die zwischen ERP und EWM nicht sauber abgeglichen sind – besonders relevant bei dezentralem EWM.

Was er verrät: Hängende Queues führen zu fehlenden Lieferungen im Lager, nicht gebuchten Warenausgängen oder Bestandsabweichungen zwischen den Systemen. Dieser KPI gehört in der Hypercare in das tägliche Monitoring, nicht in den Wochenbericht.

So setzen Sie das Tracking der SAP EWM KPIs in der Praxis auf

  1. Baseline festlegen: Messen Sie die ersten zwei Wochen nach Go-Live ohne Bewertung. So erhalten Sie realistische Ausgangswerte.
  2. Zielwerte definieren: Legen Sie gemeinsam mit Lagerleitung und Key Usern fest, welche Quote akzeptabel ist.
  3. Ursachen statt Symptome klären: Jeder Ausreißer führt zu einer konkreten Frage: Prozess, Stammdaten, Customizing oder Schulung?
  4. Regelmäßig berichten: Ein kurzes wöchentliches Review in der Hypercare reicht, solange es konsequent stattfindet.

Fazit

Die wichtigsten SAP EWM KPIs nach dem Go-Live messen nicht die Leistung, sondern die Akzeptanz des Standards. Stornierte Lageraufgaben, manuelle Umlagerungen und Ad-hoc-Bewegungen zeigen früh, wo Prozess und Realität auseinanderlaufen. Wer diese Signale ernst nimmt, verkürzt die Hypercare und schafft die Grundlage für gezielte Optimierung.

Häufige Fragen

Was ist die Lagerprozessart 9999 in SAP EWM?
Die Lagerprozessart 9999 wird im SAP-Standard für Ad-hoc-Bewegungen verwendet, also für manuelle Umlagerungen ohne Bezug zu einem Lieferbeleg.

Wo finde ich stornierte Lageraufgaben in SAP EWM?
Im Lagerverwaltungsmonitor (/SCWM/MON) unter den Lageraufgaben, gefiltert nach Status „storniert“ und Zeitraum.

Wie lange sollte man KPIs nach dem Go-Live intensiv beobachten?
Mindestens während der gesamten Hypercare, in der Regel vier bis acht Wochen. Danach empfiehlt sich ein monatliches Review.

Görkem Serdar, SAP EWM Consultant

Kontakt & Austausch

Kurz zu mir: Ich bin Görkem Serdar, SAP EWM Consultant bei Noor Vision. Ich begleite Unternehmen in allen Projektphasen – von der Explore-Phase über Go-Live und Hypercare bis zur Optimierung danach.

Welche Kennzahlen tracken Sie nach dem Go-Live? Schreiben Sie mir gerne Ihre Erfahrungen in die Kommentare.

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