Clean Core Darstellung

Clean Core in SAP EWM – Lager modernisieren, ohne den Standard zu zerlegen

Logistikbereiche stehen massiv unter Druck: immer mehr Standorte, wachsende Sendungsmengen, steigende Automatisierungsquote – und trotzdem sollen Projekte schneller, sicherer und günstiger umgesetzt werden. Im Zentrum steht eine unbequeme Frage: Wie lässt sich SAP EWM so erweitern, dass die Fachbereiche flexibel bleiben, ohne dass Releases, Migrationen und Wartung ausarten? Die Antwort ? Clean Core

Viele SAP-Kunden haben ihre EWM-Systeme über Jahre hinweg sehr individuell „veredelt“ – mit kundeneigenem Code, Sonderlogik und punktuellen Workarounds. Was damals pragmatisch war, blockiert heute jede Modernisierung.

Der Clean-Core-Ansatz setzt genau hier an: Er trennt konsequent zwischen stabilem Kernsystem und gezielt gestalteten Erweiterungen.

Rückblick: Wie aus EWM-Lösungen komplexe Unikate wurden

Historisch wurde SAP EWM oft mit einem klaren Ziel eingeführt: Das Lager sollte exakt so laufen, wie es die Organisation gewohnt war. Der Standard war die Basis, der Rest wurde passend gemacht.

In vielen EWM-Systemen haben sich über die Jahre typische Muster eingeschlichen: alte User-Exits, direkte Eingriffe in den Standard, kopierte SAP-Programme mit eigenen Anpassungen, feste Werte im Code für bestimmte Lager oder Kunden und Eigenbau-Schnittstellen ohne klares Konzept. Das war meistens gut gemeint und pragmatisch: Hauptsache Go-live, Hauptsache die Sonderfälle laufen, Hauptsache das Lager funktioniert. Kurzfristig hat das in vielen Projekten auch genau so funktioniert.

Mit etwas Abstand sieht man aber die Nachteile. Jede Änderung am System kann etwas Unerwartetes auslösen, weil keiner mehr genau weiß, wo überall eingegriffen wurde. Wenn die Performance einbricht oder das System instabil wird, ist die Fehlersuche mühsam. Cloud- oder S/4HANA-Projekte werden deutlich komplexer und teurer, weil zuerst dieses Geflecht aus Anpassungen analysiert, bewertet und sauber aufgeräumt werden muss. Die Flexibilität von früher ist heute zur technischen Last geworden, die Weiterentwicklung bremst.

Was Clean Core in SAP EWM wirklich bedeutet

Clean Core heißt nicht, dass es keine Erweiterungen mehr geben darf. Es bedeutet, dass der SAP-Standard erhalten bleibt und nur dort ergänzt wird, wo es wirklich nötig ist. In SAP EWM sollen die wichtigsten Prozesse wie Wareneingang, Einlagerung, Nachschub, Kommissionierung und Warenausgang weiter auf den normalen EWM-Funktionen und Strategien basieren.

Wenn man davon abweicht, sollte klar sein, warum, und es sollte gut dokumentiert sein, damit man später noch versteht, was geändert wurde. Eigene Logik wird nicht irgendwo „hineingebaut“, sondern über die vorgesehenen Stellen im System angebunden.

Dazu gehören zum Beispiel BAdIs im EWM-Prozess, offizielle Schnittstellen, CDS-Views und Services für Auswertungen und Anbindungen. Individuelle Funktionen werden in saubere ABAP-Klassen gepackt und nicht in alten FORM-Routinen versteckt. So bleibt der Code übersichtlich, lässt sich leichter finden, testen und bei Bedarf ändern.

Funktionen, die nicht unbedingt direkt im EWM laufen müssen, sollten ausgelagert werden, zum Beispiel auf die SAP Business Technology Platform. Dort können Dashboards, Leitstände, Planungs- und Optimierungslogik oder spezielle Apps für Inventur und Qualitätssicherung umgesetzt werden. Das eigentliche EWM-System bleibt dadurch schlanker und stabiler, während neue Ideen in einer getrennten Umgebung ausprobiert und weiterentwickelt werden können.

Clean Code in ABAP: Handwerk für einen stabilen EWM-Core

Clean Code Bild

Ein Clean Core steht und fällt mit der Qualität des Custom Codes. Wenn der individuelle Code unübersichtlich, langsam oder historisch gewachsen ist, hilft die beste Architekturzeichnung nichts.

Guter ABAP-Code geht deutlich über „läuft fehlerfrei“ hinaus. Er soll verständlich sein, sich gut pflegen lassen und die Systeme nicht ausbremsen.

Klar benannte Objekte statt Rätselraten: Variablen, Methoden und Klassen sollten ihren Zweck klar zeigen. lv_target_bin_id sagt deutlich mehr als lv_x1, zcl_ewm_putaway_decision erklärt mehr als zcl_helper. Wer den Code liest, muss ohne Rätselraten erkennen können, welche fachliche Aufgabe dahinterliegt.

Kleine, überschaubare Methoden: Methoden, die Wareneingang buchen, Lageraufgaben anlegen, Etiketten drucken und Fehler protokollieren, sind schwer wartbar. Saubere EWM-Erweiterungen bestehen aus kompakten Methoden mit genau einer Aufgabe, klar beschriebenen Eingaben und Rückgabewerten und einer zentralen Hilfslogik, die mehrfach genutzt wird statt kopiert zu werden.

Konfiguration statt Hardcodings: Feste Werte im Code sind ein häufiger Grund für spätere Probleme. Besser sind Customizing-Tabellen und Konfigurationsobjekte, eine Steuerung über Parameter pro Standort oder Prozess und die Ablage von Schwellenwerten in einer zentralen Konfiguration. So bleiben Anpassungen im Customizing und landen nicht in der Entwicklungsumgebung.

Kommentare mit Mehrwert: Kommentare sollen Hintergründe liefern, nicht Zeile für Zeile den Quellcode nacherzählen. Hilfreich sind Hinweise auf die fachliche Begründung für bestimmte Entscheidungen, so versteht auch ein neues Teammitglied, warum eine Logik genau so umgesetzt wurde.

Einheitlicher Stil und modularer Aufbau: Ein konsistenter Programmierstil ist kein Selbstzweck. Einheitliche Konventionen erleichtern Reviews, Einarbeitung und Zusammenarbeit. Typische EWM-Aufgaben sollten gekapselt werden, zum Beispiel das Suchen und Prüfen von Handling Units, das Anlegen und Buchen von Lageraufgaben oder zentrales Fehler- und Log-Handling. Statt diese Logik immer wieder neu zu bauen, wird sie an einer Stelle sauber umgesetzt und wiederverwendet.

Clean Core je nach Betriebsmodell

SAP S/4HANA Cloud, Public Edition

In der Public Cloud ist ein sauberer Kern keine Option, sondern Pflicht. Modifikationen am Standard sind hier nicht vorgesehen, Erweiterungen laufen über In-App-Extensibility und echte Side-by-Side-Anwendungen. EWM-Prozesse müssen von Beginn an so aufgebaut sein, dass sie in diesem Rahmen funktionieren. Wer mittel- oder langfristig in die Public Edition wechseln möchte, sollte heute jede neue Erweiterung darauf prüfen, ob sie Clean-Core-konform umgesetzt werden kann.

SAP S/4HANA Cloud, Private Edition

In der Private Edition gibt es deutlich mehr technische Freiheiten – und damit auch mehr Raum für spontane Eingriffe in den Standard. Ein nachhaltiger Umgang damit bedeutet, klassische Modifikationen nur im Ausnahmefall zuzulassen und das damit verbundene Risiko klar zu dokumentieren. Neue Entwicklungen sollten konsequent über freigegebene Erweiterungspunkte realisiert werden, und Clean-Core-Leitlinien sollten für interne Teams und externe Partner verbindlich gelten.

S/4HANA On-Premise und dezentrales EWM

Viele produktive EWM-Systeme laufen heute noch On-Premise oder als dezentrale Instanz. In diesen Szenarien ist Clean Core vor allem ein schrittweiser Veränderungsprozess. Zuerst müssen bestehende Anpassungen sichtbar und bewertet werden, anschließend werden technische Schulden nach und nach abgebaut. Jede neue Lösung sollte so gestaltet sein, dass sie ohne großen Aufwand in eine spätere Architektur überführt werden kann.

Fazit und Ausblick

Clean Core in SAP EWM bedeutet, das System so aufzubauen, dass die wichtigsten Prozesse stabil, nachvollziehbar und problemlos aktualisierbar bleiben, während Erweiterungen nur nach klaren Regeln umgesetzt werden.

Clean Code in ABAP ist dafür keine Option, sondern Grundvoraussetzung. Nur verständlicher, modularer und gut getesteter Code lässt sich dauerhaft warten, anpassen und auf neue Plattformen übertragen.

Unternehmen, die ihre EWM-Landschaft konsequent an diesen Prinzipien ausrichten, bauen technische Schulden ab, verkürzen Projekt- und Releasezyklen und gewinnen die Freiheit, neue SAP-Funktionen und Automatisierungslösungen zu nutzen, ohne das Lager ausbremsen zu müssen.

Kurz gesagt: Ein sauberer Kern und sauberer Code machen aus EWM keine starre Speziallösung, sondern eine Plattform, die Veränderungen mitträgt und Tempo aufnehmen kann.

Lilian Vinel, SAP Consultant 

Kontakt & Austausch

Kurz zu mir: Ich bin Lilian Vinel, SAP Consultant mit Fokus auf SAP EWM und S/4HANA. Aktuell begleite ich Projekte rund um Clean-Core-Strategien im Lager und die Frage, wie sich individuelle Prozesse sauber im Standard und über Erweiterungen abbilden lassen.

Wie schätzen Sie das Thema Clean Core und Clean Code in Ihrer EWM-Landschaft ein? Schreiben Sie mir gerne Ihre Gedanken und Erfahrungen in die Kommentare – ich freue mich auf einen offenen Austausch.

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