SAP Logistics Management im Deep Dive: Funktionen, Prozesse & Roadmap

Ein tiefer Einblick in SAP Logistics Management: Aktuelle Funktionen und ein Blick in die Zukunft
In unserem vorangegangenen Beitrag haben wir grundsätzlich geklärt, was SAP Logistics Management ist und für wen es konzipiert wurde.

Heute wollen wir konkret werden. Basierend auf den aktuellen Informationen von SAP werfen wir einen detaillierten Blick unter die Motorhaube: Was kann das System heute schon leisten? Wie sehen die Prozesse in der Praxis aus? Und welche Neuerungen stehen auf der Roadmap für die nähere Zukunft?

Dieser Beitrag konzentriert sich auf die greifbaren Funktionen im Lager- und Transportwesen und zeigt auf, wie sich die tägliche Arbeit durch neue Oberflächen verändert.

Vernetzte Logistik statt Einzellösungen

Das Grundprinzip von Logistics Management ist die Abkehr von isolierten Systemen für Lager (wie früher LE-WM) und Transport (LE-TRA). Stattdessen werden diese Bereiche auf einer Plattform im SAP Business Network zusammengeführt, um den Prozess des Kommissionierens, Packens und Versendens zu vereinfachen.

Die Funktionen gliedern sich in drei Hauptbereiche:

Lagerlogistik

Hier erfolgt die Steuerung sämtlicher physischer Warenbewegungen, angefangen beim Wareneingang bis zur finalen Bereitstellung für den Versand. Der Fokus liegt auf der Unterstützung durch mobile Endgeräte: Mitarbeiter werden digital durch Einlagerungs-, Kommissionier- und Packprozesse geführt. Dies sorgt für korrekte Bestände in Echtzeit und eine nahtlose Übergabe an den Transport.

Transportlogistik

Dieser Bereich umfasst die gesamte Abwicklung von der Routenplanung bis zur Frachtvergabe. Das System unterstützt dabei nicht nur die operative Durchführung, sondern automatisiert auch die Auswahl des passenden Spediteurs durch hinterlegte Regeln oder digitale Ausschreibungen. Zudem ist die kaufmännische Seite fest integriert: Frachtkosten werden automatisch berechnet, was eine genaue Kontrolle der Ausgaben und eine effiziente Abrechnung ermöglicht.

Netzwerklogistik

Dieser Bereich regelt die digitale Zusammenarbeit mit Spediteuren über das SAP Business Network. Das System unterstützt dabei nicht nur die Planung und Verfolgung von Transporten, sondern auch kaufmännische Prozesse. So können Frachtkosten und Rechnungsdifferenzen mittlerweile direkt digital geklärt werden. Zusätzlich vereinfachen neue KI-Funktionen die technische Anbindung neuer Geschäftspartner erheblich.

Prozessbeispiel aus der Praxis: Der integrierte Frachtauftrag

Wie sehen diese Funktionen im täglichen Ablauf aus? Ein zentrales Beispiel ist die Abwicklung einer kompletten LKW-Ladung (Full Truck Load – FTL). Hier zeigt sich die Stärke des neuen Ansatzes, bei dem Transportplanung und Lageraufgaben nahtlos ineinandergreifen, statt in getrennten Systemen stattzufinden.

Der Ablauf im Überblick: Der Prozess startet mit der Bestimmung des Frachtführers – dies geschieht entweder automatisch über hinterlegte Regeln oder durch eine aktive Ausschreibung. Sobald der Auftrag an den Spediteur vergeben und von diesem bestätigt ist, stößt dies direkt die nötigen Schritte im Lager an: Die Ware wird kommissioniert, gepackt und für die Abholung bereitgestellt.

Den Abschluss bildet die Ankunft des LKWs am Tor, die physische Verladung und der Druck der notwendigen Frachtdokumente. Alles läuft in einem durchgängigen Systemfluss ab, was Abstimmungsprobleme zwischen Disposition und Lager reduziert.

Die neue Arbeitsweise – Modern und Mobil

Ein wesentlicher Aspekt von LGM ist die Umstellung auf moderne SAP Fiori-Oberflächen. Das Ziel ist es, Informationen übersichtlicher darzustellen.

  • Neue Frachtauftrags-Seite: Für FTL-Szenarien ist eine neue Oberfläche geplant, die alle relevanten Daten bündelt: Fahrzeuginformationen, Auslastung, Distanz und Dauer sowie eine Übersicht über Abholung, Lieferung und Frachtpositionen.
  • Packtisch (Packing Work Center): Auch hier sind Verbesserungen geplant, wie große Schaltflächen zum Erstellen von Versand-Ladeeinheiten, die Möglichkeit zum Teil-Packen und personalisierbare Listen.

Erweiterungen der Mobilen App: Für die Arbeit direkt im Lager sind diverse Erweiterungen der mobilen App vorgesehen. Dazu gehören Funktionen wie „Pick by Queue“, die Anzeige von Artikelbildern zur Verifizierung oder „Look-Ups“, um Bestände direkt am Lagerplatz einzusehen.

Wenn die Realität vom Plan abweicht – Professionelle Ausnahmebehandlung (Exception Handling)

Im Logistikalltag läuft selten alles perfekt. Ware fehlt am angestammten Platz, Lieferanten senden falsche Mengen oder ein Frachtführer sagt kurzfristig ab. Eine wesentliche Stärke von SAP LGM ist die detaillierte Unterstützung für dieses sogenannte „Exception Handling“.

SAP LGM stellt umfassende Mechanismen bereit, um Abweichungen im operativen Ablauf prozesssicher zu handhaben. Das Ziel ist es, dass das System die physische Realität im Lager immer korrekt abbildet – auch wenn Störungen auftreten.

Die aktuellen Informationen von SAP zeigen detaillierte Eingriffsmöglichkeiten auf drei Ebenen:

1. Direkt bei der Lageraufgabe

Hier geht es um Flexibilität während der mobilen Ausführung durch den Mitarbeiter:

  • Bestätigung mit Abweichungen: Stellt ein Mitarbeiter fest, dass die physische Situation nicht zum Systemauftrag passt, kann er die Aufgabe mit einer abweichenden Menge (z.B. bei Fehlbestand) oder auf einen anderen Ziellagerplatz (z.B. wenn das geplante Fach voll ist) bestätigen.
  • Verfügbarkeit von Mitarbeitern managen: Wenn ein Mitarbeiter während einer Aufgabe ausfällt (z.B. Schichtwechsel), kann die Aufgabe ihm entzogen  und neu zugewiesen werden.
  • Stornierung: Offene Lageraufgaben, die nicht mehr benötigt werden, können storniert werden.

2. Im Gesamtprozess (Wareneingang & Warenausgang)

Auch auf prozessualer Ebene bietet LGM wichtige Korrekturmöglichkeiten:

  • Im Wareneingang: Es ist möglich, Eingangsmengen zu reduzieren, partielle Wareneingänge für dieselbe Bestellung zu buchen oder bereits erfolgte Wareneingangsbuchungen komplett zu stornieren
  • Im Warenausgang: Fehlerhafte logistische Anforderungen können abgelehnt und bereits gebuchte Warenausgänge rückgängig gemacht werden. Zudem können Dokumente, die nicht verarbeitet wurden, zurückgewiesen werden.

3. Im Transportmanagement 

Der Transportbereich ist besonders anfällig für externe Störungen. LGM bietet hierfür Lösungen:

  • Manuelle Eingriffe: Falls automatische Regeln zur Frachtführerfindung nicht greifen, kann ein Disponent den Frachtführer manuell zuweisen.
  • Reaktion auf Ablehnung: Das System kann damit umgehen, wenn ein beauftragter Frachtführer einen Unterauftrag ablehnt.
  • Korrektur von Aktivitäten: Bereits durchgeführte Aktivitäten am Abhol-Dokument, wie zum Beispiel ein „Check-in“ des LKWs am Tor, können bei Fehlern rückgängig gemacht werden.
Der Blick nach vorn: Die Roadmap bis 2026

SAP Logistics Management ist keine statische Lösung, sondern wird kontinuierlich weiterentwickelt. Ein Blick auf die offizielle Roadmap bis zum Jahr 2026 zeigt, dass SAP massive Investitionen plant. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf neuen Funktionen, sondern vor allem darauf, das System intelligenter und automatisierter zu machen, um manuelle Eingriffe weiter zu reduzieren.

Die geplanten Entwicklungen lassen sich in drei Kernbereiche unterteilen:

1. Prozess-Automatisierung & KI

Das Ziel ist das „Self-Optimizing Warehouse“. Das System soll von einem reinen Verwaltungstool zu einem aktiven Assistenten werden:

  • Intelligenz & KI: Ein Highlight ist die geplante Integration des KI-Assistenten „Joule“ für intelligente Prozessvorschläge. Zudem ist ein „Intelligenter Wareneingang“ geplant.
  • Automatisierung: Aufgaben (Tasks) sollen künftig automatisiert erstellt werden. Auch die Bündelung von Arbeit (Bundling) und die Arbeitsverteilung (Work Distribution) sollen automatisiert erfolgen.
  • Proaktive Benachrichtigungen (Situations Handling): Das System soll künftig aktiv warnen, statt nur Fehler anzuzeigen. Geplant sind Benachrichtigungen bei Fehlern in der Frachtführerfindung, bei Verzögerungen in der Kommissionierung oder wenn kritische Abholzeiten (Cutoff-Zeiten) gefährdet sind.

2. Vertiefung der Logistikprozesse

Die bestehenden Kernfunktionen in Lager und Transport werden deutlich ausgebaut, um komplexere Szenarien abzubilden:

  • Lagerlogistik: Die physische Inventur wird erweitert. Wichtige geplante Ergänzungen sind zudem das durchgängige Ladungsträgermanagement (End-2-End Handling Unit Management), Nachschubprozesse (Replenishment) sowie die Möglichkeit, Kommissionierungen rückgängig zu machen (Reverse Picking) oder Aufgaben zu splitten.
  • Transportlogistik: Hier steht die kaufmännische Seite im Fokus, mit geplanten Funktionen für Frachtgebühren und Abrechnung (Freight Charges & Settlement). Zudem soll der Bereich Full Truck Load (FTL) wachsen und eine Optimierung der Kartonierung (Cartonization Optimization) eingeführt werden.
  • Netzwerk: Die Integration mit dem SAP Business Network for Logistics (BN4L) soll vertieft und weitere Paketdienstleister angebunden werden.

3. Infrastruktur & Globale Abdeckung

Damit die Lösung weltweit skalieren kann, wird auch an der Basis gearbeitet:

  • Sprachen: Neben Deutsch und Englisch sind weitere Sprachen wie Französisch, Spanisch, Portugiesisch , Chinesisch und Japanisch geplant.
  • Integration: Die Verbindung zwischen LGM und S/4HANA soll verbessert werden, beispielsweise durch die Möglichkeit, Bestände nicht nur lokal in LGM, sondern synchron in beiden Systemen hochzuladen.
  • Setup: Das technische Aufsetzen des Systems soll beschleunigt werden.

Fazit und Ausblick

Die Analyse der aktuellen Funktionen und der Roadmap von SAP Logistics Management zeichnet ein klares Bild: Die Zukunft der Logistik liegt in der Überwindung isolierter Datentöpfe hin zu einer durchgängigen Plattform, auf der Lager, Transport und Netzwerk nahtlos ineinandergreifen. Für Unternehmen bedeutet dieser Schritt vor allem einen Gewinn an Transparenz und Geschwindigkeit. Medienbrüche zwischen Disposition und Lager gehören der Vergangenheit an, und dank moderner Fiori-Oberflächen sowie nativer mobiler Apps sinkt die Einarbeitungszeit für Mitarbeiter spürbar. Wer sich auf diese Standardprozesse einlässt, profitiert von einer Lösung, die sofort einsatzbereit ist und durch kontinuierliche Updates stetig an Intelligenz gewinnt.

Trotz dieser vielversprechenden Aussichten ist LGM jedoch kein Selbstläufer für jede individuelle Anforderung, sondern erfordert ein fundamentales Umdenken. Die größte Herausforderung – und gleichzeitig die größte Chance – liegt in der strengen Prozess-Disziplin. Die Stärke des Systems basiert auf Standardisierung, was bedeutet, dass sich die betrieblichen Abläufe an der Software orientieren müssen und nicht umgekehrt. Zudem begibt man sich in eine gewisse Abhängigkeit vom Takt der Innovationen, da neue Funktionen erst dann zur Verfügung stehen, wenn sie offiziell ausgerollt werden. Unterm Strich ist LGM damit die ideale Lösung für Organisationen, die bereit sind, ihre Logistik konsequent zu modernisieren. Es ist weniger ein reines IT-Projekt, als vielmehr ein Organisations-Projekt, bei dem Effizienz und Standardisierung Vorrang vor individueller Detailverliebtheit haben.

 

 Max Fröhlich, SAP Consultant 

Kontakt & Austausch

Kurz zu mir: Ich bin Max Fröhlich, SAP EWM Berater. Aktuell setze ich mich intensiv mit Logistics Management auseinander und finde es besonders gut, dass SAP hier den Fokus nun so stark auf die Benutzerfreundlichkeit legt.

Wie schätzen Sie das Potenzial ein? Schreiben Sie mir gerne einfach Ihre Gedanken in die Kommentare – ich freue mich auf einen Austausch. 

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