Optimierung nach Go-Live: 3 typische EWM-Prozessschwächen und wie man sie behebt

Ein Go-Live ist kein Ziel, sondern ein Startpunkt. Selbst bei sorgfältig getesteten Projekten zeigt der Lageralltag nach wenigen Wochen, wo Prozesse nicht ganz zur Realität passen. Das ist kein Scheitern – sondern der Moment, in dem sich eine konsequente Hypercare auszahlt. Für die SAP EWM Optimierung nach dem Go-Live zeige ich Ihnen in diesem Beitrag drei Schwächen, die mir in Projekten immer wieder begegnen, und wie Sie sie strukturiert beheben.

Warum Prozessschwächen erst nach dem Go-Live sichtbar werden

Im Test laufen Prozesse mit sauberen Testdaten, überschaubaren Mengen und gut geschulten Key Usern. Im Echtbetrieb kommen Schichtwechsel, Spitzenlasten, neue Mitarbeitende und all die Sonderfälle hinzu, die in keinem Workshop besprochen wurden. Die Anwender finden dann schnell einen Weg, ihre Arbeit zu erledigen – nicht immer den, den das System vorsieht.

Genau diese Abweichungen sind wertvoll. Sie zeigen, wo nachgeschärft werden muss. Messbar werden sie über Kennzahlen wie stornierte Lageraufgaben, manuelle Umlagerungen oder Ad-hoc-Bewegungen.

Schwäche 1: Lagerplatzfindung, die nicht zur Lagerrealität passt

Das Symptom: Mitarbeitende stornieren Einlagerungsaufgaben, weil der vorgeschlagene Platz belegt, zu klein oder ungünstig gelegen ist. Anschließend wird die Ware manuell umgelagert.

Die Ursache: Einlagerungsstrategien wurden im Design anhand von Annahmen definiert. Im Betrieb zeigen sich andere Umschlagshäufigkeiten, andere Ladungsträger oder schlicht ein Lagerlayout, das sich verändert hat. Oft fehlen auch Kapazitätsprüfungen oder die Lagerplatztypen sind nicht sauber gepflegt.

Die Lösung:

  1. Stornos und manuelle Umlagerungen nach Lagertyp und Produkt auswerten.
  2. Einlagerungsregeln, Lagerplatztypen und Kapazitätsprüfungen gegen die tatsächliche Nutzung abgleichen.
  3. Bei Bedarf ein Slotting durchführen, um Schnelldreher in gut erreichbare Zonen zu bringen.

Schwäche 2: Ausnahmen, für die es keinen Prozess gibt

Das Symptom: Bewegungen über die Ad-hoc-Prozessart 9999 nehmen zu, Ausnahmecodes werden kaum genutzt, und erfahrene Mitarbeitende haben ihre eigenen „Tricks“.

Die Ursache: Im Projekt werden Standardprozesse sorgfältig designt, Ausnahmen dagegen oft nur am Rand. Was passiert bei einer Fehlmenge? Bei beschädigter Ware? Bei einer Lieferung, die nicht ins Raster passt? Fehlt ein definierter Ausnahmeprozess, schaffen sich die Anwender einen eigenen – meist an den Strategien vorbei.

Die Lösung:

  1. Die häufigsten Ausnahmesituationen gemeinsam mit Key Usern direkt am Lagerplatz aufnehmen.
  2. Für jede relevante Ausnahme einen Prozess definieren: passende Lagerprozessart, Ausnahmecode, Folgeaktion.
  3. Die Anwender gezielt nachschulen und die Nutzung von 9999 auf echte Sonderfälle begrenzen, etwa über Berechtigungen.

Schwäche 3: Stammdaten, die den Prozess ausbremsen

Das Symptom: Wellen werden nicht vollständig freigegeben, Kommissionieraufgaben enthalten falsche Mengeneinheiten, Packvorschläge passen nicht oder der Nachschub greift zu spät.

Die Ursache: Stammdaten werden im Projekt oft einmalig migriert und danach nicht konsequent gepflegt. Neue Produkte kommen ohne vollständige Lagerdaten ins System, Packspezifikationen fehlen, Mengeneinheiten und Gewichte stimmen nicht. Das System arbeitet korrekt – nur eben mit falschen Daten.

Die Lösung:

  1. Kritische Stammdatenfelder für EWM definieren, etwa Kennzeichen für Ein- und Auslagerungssteuerung, Mengeneinheiten, Gewichte und Volumen sowie Packspezifikationen.
  2. Verantwortlichkeiten für die Pflege festlegen – zwischen Einkauf, Logistik und Stammdatenteam.
  3. Regelmäßige Prüfungen auf unvollständige Datensätze einführen, bevor ein Produkt in den Lagerprozess geht.

SAP EWM Optimierung als Prozess, nicht als Projekt

Alle drei Schwächen haben eines gemeinsam: Sie lösen sich nicht durch eine einmalige Maßnahme. Erfolgreiche Unternehmen verankern die Optimierung als festen Zyklus aus Messen, Analysieren und Nachschärfen. Ein monatliches Review mit Lagerleitung, Key Usern und EWM-Verantwortlichen reicht oft aus, um Schwächen früh zu erkennen – bevor sie zu Bestandsdifferenzen oder Lieferverzögerungen werden.

Conclusion

Prozessschwächen nach dem Go-Live sind normal. Entscheidend ist, wie schnell und strukturiert Sie darauf reagieren. Wer im Rahmen der SAP EWM Optimierung Lagerplatzfindung, Ausnahmeprozesse und Stammdaten gezielt nachschärft, holt aus SAP EWM das heraus, wofür es eingeführt wurde: transparente, effiziente und verlässliche Lagerprozesse.

Frequently Asked Questions

Wann sollte man nach dem Go-Live mit der Optimierung beginnen?
Die Analyse beginnt bereits in der Hypercare. Größere Anpassungen sollten jedoch erst umgesetzt werden, wenn der Betrieb stabil läuft, meist nach vier bis acht Wochen.

Brauche ich für die Optimierung ein neues Projekt?
Nicht unbedingt. Viele Verbesserungen lassen sich im Customizing oder über Stammdaten umsetzen. Wichtig ist ein klarer Prozess für Priorisierung und Test.

Woran erkenne ich, dass meine Anwender Workarounds nutzen?
An steigenden Stornoquoten, vielen manuellen Umlagerungen und einem hohen Anteil an Bewegungen über die Lagerprozessart 9999.

Görkem Serdar, SAP EWM Consultant

Contact & Exchange

Kurz zu mir: Ich bin Görkem Serdar, SAP EWM Consultant bei Noor Vision. Ich begleite Unternehmen in allen Projektphasen – von der Explore-Phase über Go-Live und Hypercare bis zur Optimierung danach.

Erkennen Sie eine dieser Schwächen in Ihrem Lager wieder? Schreiben Sie mir gerne Ihre Erfahrungen in die Kommentare.

Daniel Nurzai, Managing Partner

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